Portraits of self-sufficiency: SDW Neukölln

Dies ist das erste Interview der Reihe “Bilder der Selbstversorgung“, die hiermit zu unserer großen Freude Premiere feiert. Ich bin sehr glücklich darüber, dieses Projekt gemeinsam mit dem großartigen Fotografen Gabriele di Stefano zu machen, der sein eine eigene Perspektive auf diese Angelegenheit – Selbversorgung – mitbringt.

Das Projekt

Dieses Projekt soll eine Erkundung des Konzeptes von Selbstversorgung sein in einer Zeit, da viele sich enorm anstrengen müssen, um über die Runden zu kommen und in der Wissen und Fähigkeiten nicht das Privileg einiger Weniger sind, sondern für jeden leichter zugänglich.

Wissen und Fähigkeiten weiterzugeben, kann vieles bedeuten: Es kann der Weg aus einem System sein, das auf unter prekären Bedingungen hergestellten Produkten basiert; es kann bedeuten, einen Beitrag zu einem Projekt zu leisten, bei dem alle Teilnehmer akzeptieren, dass Dinge gemeinsam getan werden und dass es, gemeinsam, möglich ist, sich am Ergebnis zu erfreuen. In diesem Sinne ist es wie Open-Source-Software, wo Software als Projekt verstanden wird, als Projekt, das von Menschen erstellt und verändert wird. Mit ihrer Teilnehmer geben die Akteure der “Software” eine größere Komplexitität.

Was wäre wenn diese Software, dieses Projekt, die Art und Weise wäre, wie wir arbeiteten, oder wie Arbeit überhaupt funktionierte? Arbeit verändert sich fortlaufend, und der Gedanke, dass Fähigkeiten und Arbeitsräume geteilt und weiter verbreitet werden sollten, ist im Zentrum unserer Erforschungen.

Der Schlüssel ist dabei, dass es keine Eintrittsbarrieren gibt, dass die Aktivitäten offen sind. Dabei geht es nicht bloß um Kurse oder Seminare, sondern um offene Räume zum Lernen und Machen, Räume ohne Zugangsbeschränkungen. Sie alle teilen, auf verschiedenem Wege, Wissen, Fähigkeiten oder Räume mit anderen und tragen damit zu einer neuen Idee von Arbeit bei, die nicht primär auf Auswahl, Abgrenzung und Verknappung basiert, sondern eine, in welcher Unabhängigkeit erreicht werden kann und Kompetenz nicht einfach an den Meistbietenden verscherbelt wird.


To the English version of the interview.

Der erste Beitrag ist der SDW-Neukölln gewidmet, einer offenen Siebdruckwerkstatt, in welcher Künstler oder kleine Labels die professionelle Infrastruktur verwenden können. Aber SDW-Neukölln ist noch viel mehr.
Elisabetta besuchte das Studio und sprach mit einem der Gründer des Projektes, Tom Hansing.

Tom


Elisabetta: Wie kam die Idee, die offene Siebdruckwerkstatt SDW zu gründen?

Tom: Ich bin Nachbar der Rütli-Schule und durch einen Brief der Lehrerschaft an die zuständige Senatsverwaltung, wurde diese Schule medial als Brennglas genutzt und wurde als Musterbeispiel für alles, was schlecht ist an Deutschlands Bildungssystem rausgestellt – mit besonderem Fokus auf die Migrantenkinder. Diese sollen speziell aggressiv, respektlos und dumm sein, quasi „die Terroristen der Zukunft“, sie sprechen kein Deutsch, das sind nicht unsere Kinder, das sind die Anderen. Ein paar Freunde und ich haben zusammen ein Klamotten-Label gegründet „RÜTLI- WEAR“ und haben eigentlich vorgehabt, dieses Projekt, mit einer befreundeten Siebdruckwerkstatt zu machen. Die ist aber, kurz bevor es „ernst wurde“ leider abgesprungen. Dann sind uns zwei sehr aktive Menschen aus Neukölln über den Weg gelaufen, Agnieszka Jeziorski und Julien Ludwig-Legardez, zwei Künstler, die zufälligerweise genau die gleiche Idee hatten, nur mit einem anderen Vorzeichen. Wir haben diese Werkstatt dann gemeinsam gegründet und jeder hat seine Ideen hier eingebracht.
“Wir wollen unser Wissen und die Infrastruktur teilen.”

SDW-Neukölln ist heute ein offenes Kollektiv von Mitstreitern, ca. acht bis zwölf Leute. Immer einer macht pro Tag den Werkstatt-Host, das heißt ist Ansprechpartner für alles, was mit Siebdruck zu tun hat. Wir haben einen fest angestellten Mitarbeiter, Jochen, der die Buchhaltung macht, Rechnungen schreibt, usw.. Die anderen können (als Gegenleistung) die Werkstatt kostenlos benutzen. Deswegen sind hier Leute, die sich mit Siebdruck auskennen oder Affinität zum Medium haben. Louise, zum Beispiel, ist Künstlerin und ausgebildete Siebdruckerin und bringt hier ein spezielles Know-how ein.
Durch den Betrieb der offenen Werkstatt verdienen wir kein Geld, sondern wir benutzen das Geld, um die Kosten zu decken. Die Arbeit rund um den Betrieb der offenen Werkstatt läuft ehrenamtlich. Die Auftragswerkstatt ist unabhängig von der offenen Werkstatt.

Louise

Elisabetta: Was kann man hier machen und wer kommt hier? Und warum eine offene Werkstatt?

Tom: Wir sind kein Dienstleister, wir haben eine andere Idee von Arbeit. Wir wollen unser Wissen und die Infrastruktur, zum großen Teil ein Geschenk eines Siebdruck-Meisters, der unser Projekt gut fand, teilen. Das macht auch mehr Spaß so andere Leute kennen zu lernen und an verschiedensten Ideen mit zu arbeiten.
Alles was mit Siebdruck grundsätzlich möglich ist, Papierdruck, Folien, Holz, Glas, Leinwände, T-Shirts, kann man hier machen. Wenn Du es schon kannst, kannst du dich hier einfach einmieten und für wenig Geld deine eigenen Projekte machen, egal ob Kunst oder was Kommerzielles, so lang es nicht rassistisch oder sexistisch ist. Manche Leute, die hier herkommen, sind Künstler, manche machen ihre eigenes Label, aber auch sehr schräge und spezielle Sachen, wie bedruckte Schaumstoffwürfel, Veredelungen von Magazinen mit Lack, usw.. Und außerdem ist die SDW auch ein kultureller Veranstaltungsort.

Elisabetta: …genau. Welche Veranstaltungen finden hier statt?

Tom: SDW ist nicht nur eine Werkstatt, sondern will auch Kunst und Kultur Raum geben. Zum Beispiel, die Künstlergruppe „Nothing but printing“ macht meistens Ein-Tages-Projekte: Pop-Up-Kunst, die relativ schnell wieder weg ist. Aktuelle Kunst findet hier einfach statt. Jeder kann unsere Räume nutzen, und es kostet nichts. Wir wollen natürlich nicht „jeden Mist“ hier haben, aber es ist nicht kuratiert im klassischen Sinne. Wer eine Idee hat und genügend Power um diese zu verwirklichen, der kann das hier machen.

Elisabetta: ..und auch lernen..

“Gegenseitige Selbstversorgung mit Inspiration und sozialer Wärme.”

Tom: Genau. Das gehört zum siebdruck-spezifischen Bereich. Wenn man keine Ahnung hat und sich für Siebdruck interessiert, gibt es hier samstags Einführungskurse, um die Arbeitsschritte und die Werkstatt kennen zu lernen, um anschließend auch selbständig arbeiten zu können. Außerdem bieten wir unterschiedlichste Kurse- und Projektformate für Schulen, Studenten und andere Bildungseinrichtungen oder Privatleute.


Elisabetta: Was ist Selbstversorgung für dich und wie wichtig ist das Konzept “Selbstversorgung”, als Basis eurer Arbeit?

Tom: Das ist ein recht weiter Begriff. Wenn man es ganz ursprünglich betrachtet, dann können wir uns hier günstig mit Klamotten selber versorgen, weil wie hier Kleidung günstig einkaufen können und auch günstig weitergeben und veredeln.
Aber mit Selbstversorgung meine ich eher die kreative Subsistenz: Wir wollen mit unserer Werkstatt einen Ort schaffen und erhalten, der die Infrastrukturen zur Verfügung stellt, damit Leute, die nicht das Geld haben, sich ihre eigene Werkstatt zu leisten – oder einfach lieber zusammen arbeiten wollen – diese professionelle Umgebung einfach haben. Also, eine Selbstversorgung mit Infrastrukturen, und zwar im Sinne einer „Community-Versorgung“. Gemeinschafts-Orte schaffen…es geht auch um die Versorgung des Kiezes –den sozialen Nahraum- mit neuen Ideen, mit viel Austausch, auch mit den Nachbarn. Jedes Jahr machen wir, zum Beispiel, ein großes Straßenfest zusammen mit den Gewerbetreibenden und Nachbarn.
Gegenseitige Selbstversorgung mit Inspiration und sozialer Wärme.

SDW Neukölln befindet in der Pflügerstr. 11, 12047 Berlin (U8 Haltestelle: Schönleinstr.). Eröffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 10.00 – 19.00. Die nächste Termine für die Einführungskurse kann man auf der Webseite finden, mit vielen anderen Informationen über Siebdruck.

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2 Responses Subscribe to comments


  1. Tweets that mention Portraits of self-sufficiency: SDW Neukölln | Elisabetta Lombardo Photography -- Topsy.com

    [...] This post was mentioned on Twitter by Christian Burtchen, Elisabetta Lombardo. Elisabetta Lombardo said: Launching now: Portraits of self-sufficiency. The first interview, an open screen-printing studio, is online! http://bit.ly/a37DTQ [...]

    Oct 14, 2010 @ 5:17 pm


  2. www.mathilde.in

    Nachmittags in Neukölln…

    I found your entry interesting thus I’ve added a Trackback to it on my weblog :)

    Oct 24, 2010 @ 10:49 am

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